VetMAB bei den Berlin-Brandenburgischen Rindertagen in Berlin

Am 7. und 8. Oktober 2016 fand im Seminaris Campus Hotel in Berlin-Dahlem der 11. Berlin-Brandenburgische Rindertag statt. Neben zahlreichen Kurzvorträgen stand auch die überschaubare Industrieausstellung im Mittelpunkt der von Frau Prof. Dr. Müller ausgerichteten Veranstaltung. Mit VetMAB haben wir uns unter die Aussteller gemischt und unser Projekt an einem eigenen Stand präsentiert.

Am Freitag, den 07. Oktober 2016, wurden die Rindertage durch Herrn Dr. Heckert eröffnet. Die folgenden Vorträge befassten sich hauptsächlich mit Infektionskrankheiten und Fallbeispielen aus der Praxis. Darüber hinaus – und für uns natürlich besonders spannend – drehte es sich in zwei Vorträgen auch um die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes.

Antibiotikaminimierung in der Kälberhaltung – was kann Frischluft bewegen?

Dr. U. Reinicke präsentierte unter dem Titel „Antibiotikaminimierung in der Kälberhaltung – erste Erfahrungen von 150 Lüftungsschläuchen in der Praxis. Was kann Frischluft im Stall für die Kälbergesundheit wirklich bewegen?“ seine ersten Erfahrungen mit dem Lüftungssystem „Smart Cow Tubes“. Dabei stellte er verschiedene Betriebe vor, die durch den Einsatz der Lüftung gute Erfolge bei der Verminderung der Keimdichte in der Luft erzielen konnten. Die Keimdichte wiederum steht in Zusammenhang mit Atemwegsinfektionen, die in der Kälberaufzucht einen großen Teil der Gesamterkrankungen und somit des Antibiotika-Einsatzes einnehmen. In Folge der Luftverbesserungen im Stall musste der Tierarzt seltener gerufen werden, die Anzahl der Behandlungen von respiratorischen Erkrankungen nahm ab und somit sank auch der notwendige Einsatz von Antibiotika deutlich. In einem Betrieb wurde beispielsweise eine Reduktion des Antibiotika-Einsatzes von 3 kg auf 1,5 kg beobachtet. Nach Ansicht von Dr. Reinicke ist beim Einsatz der Lüftung immer darauf zu achten, dass diese nur ein Baustein in einem insgesamt verbesserten Management sein kann. Auch die regelmäßige Reinigung der Tubes ist entscheidend, damit keine Keimweitertragung stattfindet, was dem Sinn der Anlage entgegenstehen würde.

Kann die frühzeitige Gabe von NSAIDs bei Fieber zur Antibiotika-Reduktion beitragen?

Im Vortrag „Früherkennung von Atemwegserkrankungen und sofortige Behandlung mit Flunixin unterstützt die Reduktion des Antibiotikaeinsatzes bei Aufzuchtkälbern“ erklärte von Dr. E. Thesing folgende These: Wenn in frühen, viralen Phasen der Rindergrippe ein NSAID eingesetzt wird, führt dies zu einer Verbesserung der Symptome und in Folge wird in vielen Fällen kein Antibiotika-Einsatz mehr nötig sein. Diese wird von einer 80 Tiere umfassenden Studie gestützt. Um die Fieber-Symptome rechtzeitig zu erkennen, wurde in der Studie auf ein Fevertag zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um ein kleines Gerät, das am Ohr angebracht wird, in die Ohrmuschel hineinragt und blinkt, sobald es dort mehr als 39,7 Grad Celsius misst. Durch diese Form der Früherkennung kann die Bovine Rindergrippe frühzeitig erkannt und eingedämmt werden, sodass die Erkrankung nicht in ganzer Schwere ausbricht.

Derweil am Messestand…

Zwischen den Vorträgen gab es am VetMAB-Stand immer wieder angeregte Gespräche über die Möglichkeiten der Antibiotikareduktion sowie die bisher bereits abgeschlossenen Module. Auch das Gewinnspiel war beliebt, bei dem die Großtierärzte eine kuschelige Buiatrik-Mütze für die kalte Jahreszeit gewinnen konnten.

Plenum zur Verminderung der Antibiotika-Anwendung: Was kann die Tierärzteschaft tun?

Zum Abschluss stand ein Plenum unter dem Motto „Verminderung der Antibiotika-Anwendung“ auf dem Plan. Aufgrund der späten Stunde fanden sich leider nur etwa ein Viertel der vorher anwesenden Tierärzte zum Austausch ein – dabei geht die Antibiotikareduktion alle an. Genau darauf verwies auch Prof. Dr. Johanna Fink-Gremmels in ihrem Statement: Die deutsche Tierärzteschaft solle sich zusammensetzen und Regularien für den Einsatz von Antibiotika erstellen, sonst würden das früher oder später andere Stellen übernehmen. Sie berichtete vom bestehenden System in den Niederlanden, das auf Formularia fußt, die die Tierärzteschaft selbst begründet hat. In diesen waren bereits seit geraumer Zeit konkrete Angaben zu Antibiotika der 1., 2. und 3. Wahl gemacht worden. Diese Einteilung wurde nicht 1:1 übernommen, diente aber doch als Vorlage für die nun bestehende rechtliche Regelung. Prof. Fink-Gremmels appelliert daher klar an eine aktive Gestaltung von Regelwerken durch die deutschen Tierärzte, da die Regelung sonst denen überlassen wird, die sich weniger gut auskennen. Das wiederum dürfte den Ergebnissen nicht zuträglich sein!

Dr. Jürgen Sommerhäuser aus der Arbeitsgruppe für Tierarzneimittel im Ministerium der Justiz und für Europa und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg legte die Sicht der Ämter dar und nahm zu aktuell diskutierten Themen kurz Stellung. Er wies daraufhin, dass eine Einschränkung der Umwidmung bestimmter Stoffe im Therapienotstand aufgrund des Tierschutzgesetzes vermutlich ins Leere laufen würde. Eine Antibiogrammpflicht müsste seiner Meinung nach sehr klar definiert werden.

Als praktischer Tierarzt erläuterte Dr. Frank Bootz die Probleme in der Praxis: Besonders wichtig sei die richtige Beratung der Landwirte, um die Tiere gesund zu erhalten und frühzeitig auf Krankheitsanzeichen reagieren zu können. Hier sieht er das Problem, dass eher nur die Landwirte gut ansprechbar sind, die sowieso im oberen Feld angesiedelt sind. Ein weiteres Problem: Wie berechnet man als Tierarzt den immer größer werdenden Dokumentations- und Zeitaufwand rund um die Behandlung? In der GOT seien solche Leistungen nicht vorgesehen und doch sollte der Aufwand honoriert werden. Darüber hinaus sprach er die Probleme der nicht mehr zeitgemäßen Dosierungen mancher klassischer Antibiotika an, die teilweise 3x täglich appliziert werden müssten (genannt sei hier Amoxicillin), was nicht praktikabel sei. Eine Dosiserhöhung zur Erweiterung der Zeitfenster sei pharmakologisch problemlos möglich, fiele aber unter die Umwidmungskaskade und sei daher mit einer Wartezeit von 28 Tagen auf Fleisch sowie 7 Tagen auf Milch und Eier behaftet. Diese Probleme treten mit neuen Antibiotika nicht auf, da diese entsprechend zugelassen seien – hier sei eine Neuregelung oder Neuzulassung der alten Mittel gefragt.

Das Fazit: Es ist dringend nötig als gesamte Tierärzteschaft das Thema Antibiotikaminimierung anzugehen und transparent und offen zu kommunizieren, welche Wege möglich sind. Dabei soll die Wirtschaftlichkeit der Landwirte berücksichtigt werden – sie darf aber nicht an der ersten Stelle stehen.