Thema des Monats – Antibiotika-resistente Erreger in Deutschland

Im Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz [1] beschrieben eine Reihe an namhaften Wissenschaftlern, u.a. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, und Robin Köck, Leitender Oberarzt am Klinikum Oldenburg, dass sich die Situation der Antibiotikaempfindlichkeit von bakteriellen Erregern in Deutschland deutlich verändert habe. Ziel des Berichts war es, das Vorkommen multiresistenter Erreger (MRE) bei Mensch und Tier in Deutschland zu beschreiben und dabei die Rolle des Tieres als Ansteckungsquelle für den Menschen zu erörtern. Außerdem sollten Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von Übertragungen und Infektionen des Menschen beschrieben werden. Hinsichtlich der Verbreitung von Resistenzen gelten die gleichen Prinzipien - ohne Unterschiede zwischen Tier und Mensch. Dabei ist die Dynamik der Verbreitung abhängig von einem Zusammenspiel zwischen (1) dem Selektionsdruck im Wirt oder Reservoir, (2) den Möglichkeiten der Übertragung, (3) der Ausprägung von Resistenzgenen und (4) dem Neu-Erwerb von Resistenzeigenschaften.

Erreger mit Antibiotika-resistenten Eigenschaften lassen sich auch aus Nasen (MRSA1 , ca. 1,5% [2]) und Stuhlproben gesunder Menschen (ESBL-E2 , ca. 3,5-6,8% [3, 4]) in Deutschland nachweisen. Isolate von ESBL-E.coli aus Langzeitpflegeeinrichtungen sind bis zu 80% multiresistent [5]. Hohe Nachweisraten von ESBL-E und MRSA können auch in Geflügel- und Schweinefleischprodukten nachgewiesen werden, mit Kontaminationsraten von Putenfleisch von 50-52% [6]. Der Erregernachweis auf Betriebsebene variiert hingegen stark. So konnte MRSA aus Kotproben in 25% der untersuchten Betriebe mit Hähnchenhaltung nachgewiesen werden und ESBL/AmpC-E.coli in sogar 100% der Betriebe [7]. Auch die sogenannten Begleittiere des Menschen (Hund, Katze und Pferd) sind nicht unkritisch zu betrachten. Die Isolationsraten von MRSA und ESBL-E aus der GERM-Vet-Monitoringstudie zeigen, dass es sogar zu einem Anstieg bei erkrankten Heimtieren gekommen ist (von 0% auf 4% in den Jahren 2005/6 und 2011).

Der Vergleich von MRSA- und ESBL-E-Isolaten von Tier und Mensch ermöglicht einen Einblick in epidemiologische und denkbare zoonotische Zusammenhänge, d.h. den Ursachen der Verbreitung und mögliche Übertragung zwischen Tier und Mensch. MRSA-Isolate von Nutztieren und Lebensmitteln gehören größtenteils einem bestimmten klonalen Komplex, dem CC398, an und werden als livestock-associated MRSA (LA-MRSA) bezeichnet [8]. Interessanterweise scheint es einen Zusammenhang zwischen dem Nachweis von LA-MRSA CC398 beim Menschen und der Nutztierhaltungsdichte einer Region zu geben. Denn bis zu 30% der nasalen MRSA-Isolate werden in Krankenhauspatienten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgestellt, wobei beide Bundesländer eine sehr hohe Nutztierdichte aufweisen. Welche epidemiologische Bedeutung zudem der Nachweis eines neuen Resistenzgens, mecC, bei einigen MRSA-Isolaten hat und wie weitreichend diese sein könnte, lässt sich bisher noch nicht abschätzen. Vermutet wird jedoch, dass mecC-MRSA vom Tier auf den Menschen übertragen wurde. Beruhigend ist, dass bisher aber erst knappe 1% aller MRSA-Isolate in Deutschland mecC aufweisen.

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Resistenzeigenschaften spielen nicht nur die „klonale“ Übertragung von Resistenzgenen sondern auch mobile genetische Elemente, wie z.B. Plasmide. So können z.B. Gene, die für ß-Laktamasen „mit erweitertem Spektrum“ (ESBL) kodieren (Bsp. blaCTX-M-1, blaCTX-M-15), auf Plasmiden nicht nur zwischen „Klonen“ sondern auch zwischen Bakterienspezies ausgetauscht werden.

[Der Artikel wird im nächsten Thema des Monats weiterbehandelt.]

  1. Idelevich, A.E., et al., Multidrug-resistant bacteria in Germany. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 2015. 59(1): p. 113-123.
  2. Mehraj, J., et al., Methicillin-Sensitive and Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus Nasal Carriage in a Random Sample of Non-Hospitalized Adult Population in Northern Germany. Plos One, 2014. 9(9).
  3. Meyer, E., et al., Pet animals and foreign travel are risk factors for colonisation with extended-spectrum beta-lactamase-producing Escherichia coli. Infection, 2012. 40(6): p. 685-687.
  4. Luebbert, C., et al., Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany. International Journal of Medical Microbiology, 2015. 305(1): p. 148-156.
  5. Heudorf, U., et al., Healthcare associated infections (HAI), antibiotic use and prevalence of multidrug-resistant bacteria (MDRO) in residents of long-term care facilities. The Frankfurt HALT plus MDRO project 2012. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 2014. 57(4): p. 414-422.
  6. Fessler, A.T., et al., Characterization of Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus Isolates from Food and Food Products of Poultry Origin in Germany. Applied and Environmental Microbiology, 2011. 77(20): p. 7151-7157.
  7. Friese, A., et al., Faecal occurrence and emissions of livestock-associated methicillin-resistant Staphylococcus aureus (laMRSA) and ESBL/AmpC-producing E. coli from animal farms in Germany. Berliner Und Munchener Tierarztliche Wochenschrift, 2013. 126(3-4): p. 175-180.
  8. Koeck, R., et al., The impact of zoonotic MRSA colonization and infection in Germany. Berliner Und Munchener Tierarztliche Wochenschrift, 2014. 127(9-10): p. 384-398.

1 Methicillin-resistente Staphylococcus aureus
2 Extended spectrum ß-Lactamases Enterobacteriaceae