Thema des Monats – Leipziger Tierärztekongress

Beim 8. Leipziger Tierärztekongress war im Rahmen der Vortragsveranstaltungen „Arzneimittel/Toxikologie“ am Freitag, den 15.01.16 ein ganzer Tag der „Minimierung und Optimierung des Antibiotikaeinsatzes“ gewidmet.

In ihrer Einführung haben viele Redner darauf hingewiesen, dass die zunehmende Resistenz bakterieller Infektionserreger gegenüber Antibiotika ein Problem sei, mit dem weltweit Human- und Tiermediziner konfrontiert wären und dem mit gemeinsamer Kraftanstrengung und Konzepten im Sinne eines „One Health“-Ansatzes entgegengewirkt werden müsse. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Abschlusserklärung des Treffens der G7-Staaten im Juni 2015, den globalen Aktionsplan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) der Bundesregierung verwiesen. Um die Maßnahmen von DART 2020 umzusetzen, sind das Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit den Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft sowie für Bildung und Forschung stark involviert.

In der Vortragsveranstaltung „Mengen des Antibiotikaeinsatzes“, moderiert von A. Richter (Leipzig), haben J. Wallmann (Berlin) über „Antibiotikaabgabemengen und Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit“, S. Kurlbaum (Oldenburg) über „Erfahrungen zur Erfassung der betrieblichen Therapiehäufigkeit“ und J. Harlizius (Bonn) zu „Praktischen Erfahrungen zur Meldung der betrieblichen Therapiehäufigkeit“ gesprochen.

Von J. Wallmann wurde darauf hingewiesen, dass weder die national erhobenen Daten der Abgabemengenerfassung gemäß DIMDI-AMV noch die ermittelten Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit gemäß 16. Novelle zum Arzneimittelgesetz (AMG) fundierte Aussagen zum Wirkstoffeinsatz bei den verschiedenen Tierarten oder einen Vergleich der Anwendungshäufigkeiten zwischen den einzelnen Tier- und Nutzungsarten bzw. Betrieben unterschiedlicher Größen erlauben und keine Korrelation der vorliegenden Daten mit der regionalen Resistenzsituation hergestellt werden kann. Unter anderem wurde in diesem Zusammenhang auf die Schieflage bei der Erfassung von Kombinationspräparaten wie potenzierten Sulfonamiden hingewiesen. Für eine fachlich fundierte Bewertung des Antibiotikaeinsatzes und der daraus resultierenden Folgen wären vielmehr flächendeckend detaillierte Angaben zu Antibiotikaverbrauchsmengen (inklusive Arzneimittelbezeichnung, Tierart, Anzahl der behandelten Tiere, Indikation und Dosierung) notwendig. Diese Daten würden zurzeit zwar in den Nachweisen nach §13 TÄHAV erhoben, stünden aber nicht bundesweit zur elektronischen Auswertung zur Verfügung. Außerdem sprach Wallmann die Problematik an, dass Tierhalter die Antibiotika-verschreibenden Tierärzte bisweilen dazu anhalten würden, die Therapiedauer so kurz wie möglich zu halten, um die Anzahl der Therapietage auf ein Minimum zu verringern. Das würde möglichweise zu einem Rückgang abgegebener Antibiotikamengen bzw. der Anzahl der Therapietage führen. Das wäre aber problematisch, wenn dies auf Kosten des Tierwohls geschehen würde oder die Antibiotikatherapie zu kurz gewählt werden würde, mit allen daraus resultierenden Folgen.

Auf diesen Punkt wurde auch von S. Kurlbaum (Oldenburg) hingewiesen, die ansonsten aus Sicht der Überwachungsbehörde von den ersten Erfahrungen im Zusammenhang mit der Erfassung der Therapiehäufigkeiten in Mastbeständen und der Bewertung von Maßnahmenplänen berichtete. Diese sind von Tierhaltern vorzulegen, deren Betriebe die Kennzahl 2 überschreiten. Der Schwerpunkt der Überwachung lag in den ersten Monaten auf Plausibilitätskontrollen in Betrieben, bei denen gemäß den Eingaben in HI-Tier keine Antibiotika angewendet worden sind sowie bei Nutzungsarten, für die keine betriebliche Therapiehäufigkeit ermittelbar war. Dabei ging es hauptsächlich um eine Beratung der Tierhalter in Bezug auf die Eingaben in HI-Tier. Ein Problem im Rahmen der Statistik wären die fehlende Verpflichtung der Nullmeldung bei Betrieben, die keine Antibiotika angewendet haben sowie die Betriebe, die mit ihren Tierzahlen zwar unterhalb der Mitteilungsgrenze liegen, aber sich dennoch als mitteilungspflichtig gemeldet haben. Mittlerweile erfolgen zusätzlich auch Kontrollen in Betrieben mit einem überdurchschnittlich hohen Antibiotikaverbrauch. In diesen Fällen würden die in den eingegangenen Maßnahmenplänen gemachten Angaben ebenfalls überprüft und die bereits eingeleiteten Schritte bewertet. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass von den überwachenden Behörden berücksichtigt werde, dass Maßnahmenpläne nicht sofort greifen. So werden bei der Beurteilung der Therapiehäufigkeiten im folgenden Berichtszeitraum auch innerbetriebliche Reduktionserfolge bewertet und nicht bei erneuter Überschreitung der Kennzahl 2 zwingend ein neuer Maßnahmenplan gefordert.

J. Harlizius (Bonn) berichtete nicht nur davon, dass es für die Tierhalter bei der Eingabe von Daten zur Therapiehäufigkeit viele technische und logistische Hürden zu überwinden galt sondern erläuterte anhand von Beispielen, welche praktischen Probleme sich ergeben hätten: So hatten einige Ferkelerzeuger mit Aufzucht, d.h. Mast unter 30 kg, gar nicht realisiert, dass sie im Sinne des Gesetzes zu den Mästern zählen. Vielen Betriebsleitern war aber nicht klar, dass sie den Anfangsbestand und die Bestandsveränderungen in der Datenbank melden mussten. Nach der Veröffentlichung der bundesweiten Kennzahlen am 31.03.15 kam vor allen bei den Rinderhaltern Unmut auf, weil teilweise schon bei der Behandlung eines einzelnen Tieres, die Kennzahl 2 überschritten war und sie dadurch zur Erstellung eines Maßnahmenplans verpflichtet waren. Andererseits bestätigte Harlizius auch, dass man sich in den anderen Nutzungsarten mit den Problemen befasst und versucht hätte, die vermutlichen Gründe für die Kennzahlenüberschreitungen zu erfassen. In einigen schweinehaltenden Betrieben wäre der Trend weg von der oralen Behandlung hin zur Einmalinjektion festzustellen. Auch in diesem Vortag wurde darauf hingewiesen, dass teilweise vorschnell auf den Einsatz von Antibiotika bei bakteriellen Infektionen verzichtet werden würde.

Referenz:

LBH: 8. Leipziger Tierärztekongress Tagungsband Band 1, S. 509ff.

Referenten:

Prof. Angelika Richter; Institut für Pharmakologie, Pharmazie und Toxikologie, Universität Leipzig
Dr. Jürgen Wallmann; Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Berlin
Dr. Sabine Kurlbaum; Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), Tierarzneimittelüberwachung, Oldenburg
Dr. Jürgen Harlizius; Tiergesundheitsdienst, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Bonn