Neue Richtlinie der WHO

Stopp der Anwendung von Antibiotika bei gesunden Tieren

Die WHO hat eine neue Richtlinie zur Anwendung wichtiger antimikrobieller Wirkstoffe für Lebensmittel-produzierende Tiere herausgegeben. Darin empfiehlt die WHO, dass Landwirte und die Lebensmittelindustrie keine Antibiotika routinemäßig anwenden sollten, um das Wachstum der Tiere zu steigern und das Entstehen von Krankheiten bei gesunden Tieren präventiv zu vermeiden. Das mag vielleicht zum Teil unerheblich aus Sicht der deutschen Landwirtschaft klingen, jedoch werden in einigen Ländern 80% des absoluten Verbrauchs von medizinisch wichtigen Antibiotika für gesunde Tiere als Wachstumsförderer eingesetzt. (In der EU ist seit 2006 der Einsatz von Wachstumsförderern verboten.) Mit der neuen Richtlinie möchte die WHO dazu beitragen, die Wirksamkeit von Antibiotika, die insbesondere für die Anwendung beim Menschen sehr wichtig sind, erhalten, indem der Einsatz in der Veterinärmedizin reduziert wird.

Übermäßiger und falscher Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin trägt zu der steigenden Gefahr der bakteriellen Antibiotikaresistenz bei. Dabei berichtet die WHO, dass es leider nur wenige vielversprechende Optionen von neuartigen Antibiotika gebe, die zurzeit entwickelt würden, so dass es für manche bakterielle Infektionen keine Therapieoptionen mehr gebe.

„Der Verlust der Antibiotikawirksamkeit ist als genauso gefährlich wie ein Sicherheitsrisiko, das von einem plötzlichen und tödlichen Krankheitsausbruch ausgeht, einzuschätzen.“, sagte Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO. „Starke, nachhaltige Maßnahmen in allen Bereichen sind notwendig, wenn wir die Welle der antimikrobiellen Resistenz aufhalten und die Welt sicher halten wollen.“

In einer systematischen, wissenschaftlichen Abhandlung, die im November 2017 in der akademischen Zeitschrift The Lancet Planetary Health veröffentlicht wurde, wird beschrieben, dass das Vorkommen von antibiotikaresistenten Bakterien um bis zu 39% reduziert werden könne, wenn Maßnahmen zur Antibiotikaminimierung bei Lebensmittel-liefernden Tieren angewandt würden (Hier finden Sie die Publikation).

Die WHO empfiehlt dringend eine Reduktion aller medizinisch wichtigen Antibiotikaklassen bei Lebensmittel-liefernden Tieren, mit dem kompletten Verzicht von Antibiotika zur Wachstumsförderung und Krankheitsprophylaxe. Gesunde Tiere sollten nur präventiv antibiotisch behandelt werden, wenn andere Tiere aus demselben Betrieb, derselben Herde oder derselben Fischpopulation vorher eine Diagnose einer bakteriellen Infektion erhalten haben. Kranke Tiere sollten intensiv untersucht und bestmöglich ausdiagnostiziert werden, um für eine spezifische Therapie das effektivste und schmalspurigste Antibiotikum auswählen zu können. Dabei verweist die WHO für die Auswahl eines Antibiotikums auf die Liste der am wenigsten relevanten Antibiotika für die Humanmedizin und die Vermeidung des Einsatzes sogenannter Reserveantibiotika (siehe Liste der „highest priority critically important“ Antibiotika). Der Hintergrund hierzu ist, dass jeder Einsatz eines Antibiotikums Resistenzentwicklungen fördert und deshalb gewisse Antibiotikaklassen geschont werden sollen, damit sie bei besonders schwierig zu behandelnden Infektionen für den Menschen als letzte Reserve noch zur Verfügung stehen.

„Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass ein übermäßiger Einsatz von Antibiotika bei Tieren zur Resistenzentwicklung beiträgt.“, sagt Dr. Kazuaki Miyagishima, Direktor der Abteilung Lebensmittelsicherheit und Zoonosen der WHO. „Die Menge verabreichter Antibiotika bei Tieren nimmt leider weltweit weiter zu, das wird insbesondere durch den wachsenden Bedarf an tierischen Lebensmitteln gefördert und oft durch intensive Tierhaltung begünstigt.“

Viele Länder, wie die Europäische Union, haben bereits Maßnahmen ergriffen, um den Antibiotikaverbrauch in der Lebensmittelproduktion zu reduzieren, z.B. durch das Verbot von Wachstumsförderern. Zusätzlich treiben auch Konsumenten die Nachfrage von Fleisch, welches ohne routinemäßigen Antibiotikaeinsatz produziert wurde, voran; und so gibt es bereits Lebensmittelproduzenten, die eine „Antibiotika-freie“ Fleischproduktion praktizieren.

Alternative Optionen zum prophylaktischen Antibiotikaeinsatz zur Krankheitsprävention bei Tieren sind neben optimaler Hygiene auch die Anwendung von Impfstrategien sowie verbesserte Bedingungen in der Tierhaltung und dem Betriebsmanagement.